
Das Schlössli Mattstetten war ursprünglich eine Herrschaftsschreiberei und Wohnsitz der Familie Meyer. Heute ist das Schlössli ein Wohnhaus und ein Kultur- und Eventlokal, im Besitz der Erbengmeinschaft Erich Meyer.
Das Schlössli Mattstetten – von einst bis heute
In der Zeit während dem Ancien Régime von 1712-1798 herrschte in Bern das Patriziat, das Regiment weniger alteingesessener Geschlechter. Albrecht Friedrich von Erlach, damaliger Besitzer des Schloss Jegenstorf, erbte von seinem Vater Hyronimus von Erlach nebst dem Titel eines Reichsgrafen die Herrschaften in Hindelbank, Urtenen, Bäriswil und Mattstetten. In Bern war Albrecht Friedrich von Erlach ab 1727 Mitglied des Grossen Rates, ab 1755 des Kleinen Rates, von 1759 bis 1786 alternierend Schultheiss. Von 1779-1781 liess er für seinen Herrschaftsschreiber, Niclaus Meyer, Notar und Vertrauter des Reichgrafen, einen Herrenstock im Stil des Spätbarocks erbauen. Das Schlössli entsprach einem kleineren Format des Schlosses Hindelbank, welches sein Vater und Schultheiss von Bern, Hyronimus von Erlach, erbaut hatte.
Gleichzeitig entstand beim Schlössli auch eine Scheune, eine separate Kutschenremise und ein Obeliskbrunnen, der 1779 mit sechs Ochsen vom Jura zusammen mit dem Dorfbrunnen nach Mattstetten gebracht wurde. Auch die Gartengestaltung war der Bauzeit angepasst. So entstand die Herrschaftsschreiberei für Niclaus Meyer, dem zweiten Sohn des Stammesvaters Hans Meyer (1617-1685). Das Amt des Herrschaftsschreibers wurde durch vier weitere Generationen von seinen Nachkommen ausgeübt. Die jeweiligen Besitzer amteten zudem als Chorrichter, Gerichtssäss oder Ammann von Mattstetten. Niclaus Meyer war ein Urahn der heutigen Besitzerfamilie Meyer in der 9. Generation.
Die Herrschaftsschreiberei übernahm das Verfassen aller wichtigen Dokumente und Briefe. Sie verwaltete Kornbücher, Pacht- und Zinsregister, schrieb Rechtsakten, Vertrags- und Tauschurkunden, Dienst- und Arbeitsverträge und erstellte Abrechnungen mit den Pächterfamilien. Sie führte die Gerichtsbücher, Protokolle und richtete über kleine Strafen und Erbstreitereien in der Herrschaft. Sie verwahrte Siegel, Stempel und Urkunden und leitete die amtliche Post weiter.
Es wurden auch Supplikationen (Bittschriften) verfasst, wie beispielsweise um 1765 das Begnadigungsgesuch des Christian Rupp von Hettiswil an die Regierung wegen Erlassung der Reststrafe im Schallenwerk, der damaligen Haftanstalt in Bern. Christian Rupp wurde damals wegen Fremdgehen zu mehreren Jahren Zuchthaus verurteilt. Im Schallenwerk waren die Bedingungen hart. Die Häftlinge wurden für den Strassenbau eingesetzt. Ein Halsring mit Glöckchen verhinderte die Flucht.
Mit dem Erstehen der Gemeindeverwaltungen verlor die Herrschaftsschreiberei an Bedeutung und wurde schlussendlich aufgehoben. Das Schlössli war jetzt ausschliesslich ein Gutsbetrieb.
Werner Meyer, der Grossvater der heutigen Besitzerfamilie, begann 1920 Hühnerzucht zu betreiben und hatte auch die Generalvertretung der holländischen Firma Econoom für Brutmaschinen für die Schweiz inne. Mit einer Maschine konnten 6000 Eier ausgebrütet werden. Die Küken verkaufte Werner Meyer in der ganzen Schweiz. Um den Versand zu vereinfachen, setzte er sich für den Bau einer SBB-Bahnhaltestelle in Mattstetten ein. Am 11. Dezember 2004 hielt der Zug fahrplanmässig um 23.46 Uhr letztmals am Bahnhöfli Mattstetten. Danach wurde die Haltestelle nach 70 Jahren aufgehoben. Der damalige Besitzer veranlasste auch, dass die Poststelle beim Schlössli Einzug nahm, die später 2004 ebenfalls eingestellt wurde.
Werner Meyer hatte zwei Söhne, Erich und Armin. 1936 baute er für den jüngeren Sohn das Bauernhaus Breithof und daneben ein Stöckli für sich. Erich als der ältere Sohn übernahm nach dem plötzlichen Tod des Vaters (1899-1956) das Schlössli und die Hühnerzucht. Auch Erich Meyer verstarb 1989 an plötzlichem Herztod. Die Hühnerfarm war nicht mehr rentabel und wurde aufgelöst.
1986 begannen mit dem Einzug der Tochter Regina (9. Generation der Familie Meyer) und ihrem Mann Walter Wermelinger eine neue Ära mit grossen Veränderungen, Umgestaltungen und nötigen Renovationen des Schlössli. 1986 wurden das Obergeschoss zu einer eigenen Wohnung umgebaut. Unten wohnte die Mutter Rosa Meyer und oben Regina und Walter Wermelinger mit ihren beiden Kindern. Zur Erhaltung des Schlössli wurden in den folgenden Jahren ständig wieder Renovationen und Unterhaltsreparaturen durchgeführt. 1991 wurde das Schlössli Mattstetten ins staatliche Inventar der geschützten Kunstaltertümer aufgenommen.
1995 wurde die alte Scheune abgerissen und ein Mehrfamilienhaus erstellt. 2002 baute man die ehemalige Kutschenremise in ein Atelier um. 2006 wurde der Ökonomieteil in einen Eventraum ausgebaut, in dem heute kulturelle Anlässe stattfinden. Bei Umbauten am Schlössli war Karl-Christian Lakowitz eine wichtige Stütze für die Familie. Er half tatkräftig bei den Renovationen mit und gab auch viele Ideen, was die Familie sehr wertschätzte. Er hatte bis anhin in der ehemaligen Kutschenremise sein Schreineratelier.
2009 musste die fast 100-jährige Douglastanne wegen einem Blitzschlag gefällt werden. Danach wurde der Garten an der Nord-Ost-Seite neu angelegt und Sitzplatz und Rasenfläche gestaltet. So, dass es nun Platz für diverse Zelte hat und Feste im Freien statt finden können.Vis à vis vom Schössli, wo vorher die Gehege und Hühnerhäuser des Geflügelzuchtbetriebes waren, entstand eine Zone für Sport und Freizeit. Dort werden nun Gemüse- und Blumenbeete von den Mietern des Mehrfamilienhauses angelegt. Ein Spielplatz für die Kinder ist entstanden. Der Grillplatz lädt zum gemütlichen Verweilen ein und der Platzgerklub unterhält dort seine gepflegte Sport-Anlage. Auf einigen Parkplätzen befinden sich nun Tanksäulen für E-Autos.
Im Herbst 2026 muss leider der historische Obeliskbrunnen trockengelegt werden. Beim Bau des Grauholztunnels wurde damals die eigene Quelle der Familie Meyer zerstört. Die SBB vereinbarte mit Erich Meyer eine Ersatzwasserlieferung. Doch die damaligen Vereinbarungen und Verträge wurden von der heutigen neuen Lizenznehmerin WVRB AG nicht übernommen und werden per Herbst 2026 aufgelöst.
Erwähnenswert sind auch die vier Bäriswiler Keramiköfen, vermutlich die wenigen Zeitzeugen am Originalstandort im Schlössli. Bäriswil war zur damaligen Zeit bis weit über die Grenzen bekannt für seine qualitätsvolle Keramik (1758-1821).
Eine spezielle Geschichte hat auch das Wappen oberhalb der Schlosseingangstür. Es ist nämlich nicht fertiggestellt worden. Der Grund dafür ist, dass der Steinmetz verstarb und seine Arbeit unvollendet blieb. Andere Steinhauer wollten sein Werk nicht fortsetzen, da dies Unglück bringe. So ist auch heute noch das Wappen nicht vollendet.
Für die Bewirtschaftung des Eventslokals im ehemaligen Ökonomieteil wurde 2010 der Verein ARTick mit Sitz in Mattstetten gegründet. Der Verein macht sich zur Aufgabe das gesellschaftliche und kulturelle Leben zu pflegen, regelmässig qualitativ hochstehende, kulturelle Veranstaltungen in Mattstetten anzubieten. Bereits über 100 Konzerte, Kabaretts, Theater, Lesungen und CD –Taufen haben im Eventraum stattgefunden und über 5'000 Tickets wurden verkauft. Auch diverse exklusive Schweizer Vorstellungen wurden in der Räumlichkeit abgehalten. (www.artick-events.ch).
Heute ist das Schlössli Mattstetten ein Wohnhaus mit zwei Wohnungen. Der Eventraum, der Bankettsaal im Dachstock und die Gartenanlage können für Events, Hochzeiten, Geburtstagsfeste, Konfirmationen, Geschäftsanlässe, usw. gemietet werden. Wo man sich früher nach aussen hin abgrenzte, herrscht nun Einladung und Offenheit. Das Haus ist zu einem Ort der Begegnung geworden.Weitere Informationen: www.schloessli.events

Albrecht Friedrich von Erlach Erbauer des Schlössli Mattstetten. Von seinem Vater erbte er nebst dem Titel eines Reichsgrafen die Herrschaften zu Hindelbank, Urtenen, Bäriswil und Mattstetten.In Bern war er ab 1727 Mitglied des Grossen Rates, ab 1755 des Kleinen Rates, von 1759 bis 1786 alternierend Schultheiss.
Beschreibung
Schlössli. Wohnstock mit ehem. Herrschaftsschreiberei, erb. 1779-1781; heute Wohnhaus Hervorragender, sehr herrschaftlicher Putzbau unter geknicktem Walmdach mit feinen Lukarnen. Ausgezeichnete spätbarocke Sandsteingliederung: leicht risalitierte Mittelachsen (O- u. W-Fassaden) mit Stichbogenportal u. skulptierten Details. Im OG Stichbogenfenster. Gute Interieurs: Kachelöfen von 1781 (EG) bzw. 1793 (1.OG). Sehr qualitätvoller, gut erhaltener Ökonomieteil (Sichtrieg). Grosser Garten mit Pavillon (Nr. 15C).Vor der Strassenfassade prächtiger Kalksteinbrunnen wohl von 1780: Vierkantstock mit Pyramidenaufsatz; elegant geformtes Becken. Im N ehem. Kutschenremise (Nr. 15A). Einziger Bau dieses Typs und dieses Anspruchs in der Gemeinde; er ist sowohl historisch als auch architektonisch von grosser Bedeutung.
Grundstück 111, Koordinaten 2605978 / 1208527 Bauinventar 2006 rechtswirksam Einstufung schützenswert K-Objekt Geschützt durch RRB 0580 vom 06.02.1991
Bildungs- und Kulturdirektion Amt für KulturDenkmalpflege